Momentan ist grad ganz wahnsinnig viel los, aber nächste Woche wird es dann besser. Naja, nächste Woche sind auch noch ein paar Termine, aber nächsten Monat dann.. Egal, wann man mich trifft, immer hört man diese oder ähnliche Worte. Familie, Haushalt, Job, Yoga, Website – wer so viele verschiedene Aufgaben und Funktionen übernommen hat, ist immer an der einen oder anderen Front gefordert – oder meistens auf zwei oder drei Seiten gleichzeitig. Und immer wieder komme ich in einen Strudel, der mich gewaltig zum Strampeln, Pusten und manchmal sogar richtiggehend zum Kämpfen bringt,  gleichzeitig aber auch – für einen Moment – zum Nachdenken. Ich entschleunige. Und sobald ich mir wieder etwas Luft verschafft habe,  beginnt das Spiel wieder von vorne. Und es geht ja immer irgendwie dann doch auf. Oft staune ich selbst, wie das Universum immer wieder für so glückliche Zufälle sorgt, die mir ermöglichen, dies und jenes auch noch zu erledigen, zu übernehmen, da und dort auch noch zu helfen. Dies und jenes auch noch zu tun.

Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Yogalehrerin zu sein und immer unter Strom zu stehen? Ja klar, auf den ersten Blick passt das natürlich nicht so gut zusammen. Yogalehrer sollten sich  doch eigentlich in einer Dauermeditation befinden, ein komplett entschleunigtes Leben führen, sich täglich in die Lehren Patanjalis , in Indische und andere Philosophie vertiefen und ihre Mantras mindestens 108 Mal aufsagen. Aber warum sind denn so viele Yogis solch Busy-oholics? Auch Yogalehrer haben irgendwann einmal mit Yoga angefangen. Oftmals weil wir – wie so viele Leute – etwas suchten, das uns Ruhe verschafft. Ich selbst habe auch genau deshalb zum Yoga gefunden. Als überaus ehrgeizige, perfektionistische Werkstudentin, die auch fit bleiben wollte, war ich fast permanent an meiner Grenze und überforderte mich non-stop. Pausen gönnte ich mir keine. Ferien nur, um zu reisen , zu lernen, aus sprachlichen Gründen. Innehalten? Wozu? Geniessen? Ein Fremdwort. Ich kam nur zur Ruhe, wenn mich äussere Faktoren dazu zwangen, sprich, wenn ich krank wurde. Und zwar so heftig, dass ich nicht mehr aufstehen konnte.Und irgendwann bin ich über Yoga gestolpert. Mehr durch Zufall. Und ich mochte es zu Beginn noch nicht einmal besonders. Mir fehlte wohl das Kompetitive und die ‘Action’. Und zugegeben, es kratzte an meinem Ego, dass so ‘alte’ Mamelis (mindestens 35! – tja, Ihr seht, das war vor viiielen Jahren) mühelos einen Kopfstand machten, während ich mich noch nicht einmal traute, es zu probieren. Aber dennoch merkte ich, dass es mir gut tat. Gut genug, um sporadisch in Stunden zu gehen. Irgendwann, in einer extremen Stressphase merkte ich dann, dass es die Ruhe war, die mir gut tat. Auch wenn sie anfangs gleich nach der Stunde wieder verflogen waren, wurden diese kurzen Entspannungsmomente meine Oase. Ich machte meine erste Yogalehrerausbildung, begann regelmässig zu meditieren. Bald habe ich dann gemerkt, dass mich das Unterrichten noch mehr erdet, mich nachhaltiger ‘runterfahren’ lässt. Meine Agenda war zwar fast noch genauso voll wie eh und je – nicht zuletzt wegen all den Yogaworkshops, -trainings und -stunden – aber ich stellte mich bei allem, was ich tat weniger unter Druck, fühlte mich weniger gestresst. Und nach und nach habe ich dann gelernt, ein bisschen mehr auf mich zu hören und achten, meine Notbremse früher zu stellen, auch mal freiwillig Pause zu machen, ‘nein’ zu sagen, wenn mich mal wieder jemand um einen Gefallen bittet. Mittlerweile mache ich nicht nur Pausen, sondern freue mich sogar darauf. Aber ich bin immer noch ich. Ich bin immer noch ein Mensch, der viel unterwegs ist, viel will. Auch wenn ich nun Yogalehrerin bin, meinen Charakter habe ich nicht geändert, aber meinen Umgang damit. Ich bin mir auch bewusst, dass ich noch nicht am Ziel bin, wohl nie ans Ziel kommen werde. Aber das muss ich auch nicht. ‘Ziel’ ist eigentlich sowieso völlig das falsche Wort. ‘Optimal Blueprint’, eine Richtung, in die ich mich entwickeln möchte, ohne dass ich da jemals wirklich ankommen muss.

Es gab eine Zeit, in der ich mich als ‘schlechte’ Yogalehrerin sah, eben weil ich nicht diesem Bild entsprach, immer Zeit zu haben. Weil ich neben Yoga auch gerne (viel) arbeitete, anderen Sport machte, rannte, Basketball spielte, weil ich zwar immer wieder und immer wieder gerne in Meditationsretreats, an Kirtans etc ging, aber weil ich längst nicht täglich meditierte, Atemübungen mache, in den Veden lese. Interessanterweise ist das, was mir  aus diesem negativen Selbstbild heraushalf, auch das, was mir beim Prozess des Entschleunigens am meisten hilft, und es ist auch das, was für mich der Kern des Yogas ist: Akzeptieren lernen, oder auf neudeutsch ‘Acceptance’. Und zwar nicht nur auf der Matte, zu akzeptieren, dass es heute gut oder weniger gut läuft, dass ich dieses oder jenes Asana nicht kann, sondern auch im Leben Dinge zu akzeptieren, wie sie sind. Zu akzeptieren, heisst gleichzeitig auch, sich von Ideen zu lösen, wie etwas sein soll, oder eben nicht. Das wiederum ist eines der 5 Yamas, die uns Patanjali lehrt, das Aparigraha. Das non-attachment, das Sich-nicht-festhalten-an-etwas; eben zum Beispiel an einer Idee. In meinem Fall an der Idee, ein Leben im Ashram in meinen Alltag als berufstätige Mutter zu importieren.  Und im Gegenzug die Tatsache zu akzeptieren, dass ich ein Bewegungsmensch bin, dass ich gerne immer etwas zu tun haben, und dass das ok ist so. Auch wenn ich Yogalehrerin bin. Klar tut es auch mir gut, zu meditieren, Mantras zu singen, zu philosophieren, oder auch mal nichts zu tun. Auch für mich sind diese Praktiken essentiell und von Bedeutung, aber jeder ist anders. Ich meditiere besser beim Wandern als im Sitzen, philosophiere lieber beim Schreiben als in der Gruppe. Auch ich brauche Pausen, aber wohl weniger als andere Leute. Wichtig für mich ist, dass ich das, was ich tue mit Achtsamkeit tue. Mit etwas mehr Gelassenheit. Und mittlerweile habe ich kein Problem zu akzeptieren: Ein volles Tagesprogramm und meine Familie ergänzt mit Yoga ist mein Rezept zum Glücklichsein.

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