Tief durchatmen, nicht ärgern – Du bist Yogini

Endlich! Im Februar konnte ich mein Yogastudio eröffnen. Eine Super-Co-Operation mit einer Spielgruppenbesitzerin, die einen Raum für Kinderyoga schaffen wollte, den aber alleine nicht finanzieren konnte. Was liegt näher als sich zusammenzutun mit einer Yogalehrerin ohne Studio? Das muss Fügung sein. Das Universum meint es einmal mehr gut mit mir. Mit unglaublicher Freude, habe ich während Wochen und Monaten am neuen Studio rumgebastelt. Meine ersten Gedanken am Morgen waren meist bei der Einrichtung, oder bei den neuen Möglichkeiten, die mir der Raum bieten würde. Ich will nicht so weit gehen und sagen, dass ich meine ganze Energie in den Raum gesteckt habe – immerhin habe ich zwei kleine Jungs – aber alle Energie, die ich noch irgendwie mobilisieren konnte floss in den Raum.

Kaum starteten meine Klassen kam eine Mail: ‘Es tut uns leid, wir verkaufen. Aber keine Sorge, die neuen Besitzer werden nichts ändern an unserem Deal.’ – ‘Wie konntet Ihr bloss mit mir diese ganzen Abmachungen treffen, wenn Ihr wusstet, Ihr werdet verkaufen?’ Meine instinktive Reaktion ist wohl gut nachzuvollziehen. Aber ich bin ja eine Yogini. Da ärgert man sich nicht, glaubt ans Gute, ist nicht enttäuscht. ‘Tief durchatmen’, sagte ich mir also. Schlaf mal drüber und schreibe dann ein yogisch-verständnisvolles Mail, in dem Du Dich für die tolle Zusammenarbeit bedankst und Dein Vertrauen ausdrückst, dass alles gut kommt.

Die neuen Besitzer übernahmen also. ‘Alles bleibt gleich’, versicherten sie mir. Ich ging in Urlaub. Ich kehrte zurück. Und nichts war gleich. Der Yogaraum war verstellt mit Gestellen. Der Eingang in die Spielgruppe ging neuerdings durch das Studio, die vorherige Eingangstüre war vernagelt. Der Moment, in dem ich in den Raum kam, das alles sah – er war so intensiv. Enttäuschung, Wut, unglaubliche Traurigkeit, Verzweiflung, Müdigkeit, ja auch Hass und Rachegefühle übermannten mich. Wie ein Tiger rannte ich hin und her im Raum und kämpfte gegen die Tränen, die mich dann schliesslich mit einer Heftigkeit besiegten, die mich richtiggehend aufschluchzen liess. ‘Reiss Dich zusammen, Du bist eine Erwachsene Frau’, sagte eine innere Stimme. ‘Hey, Du bist Yogini, solche negativen Gefühle ziemen sich nicht’.

 

Negative Gefühle gibt es nicht

Hey zurück; warum haben wir dann alle diese Gefühle mit auf den Weg bekommen? Wer auch immer uns geschaffen hat, hat uns eine ganze Palette von Gefühlen mit auf den Weg gegeben. Warum? Damit wir einen Teil dieser Gefühle als ‘negativ’ bezeichnen und verleugnen? Wohl kaum. Wenn man schaut wie clever die Natur alles geschaffen und eingerichtet hat, hat sie uns sicherlich keine unnützen Gefühle geschenkt.

In Tat und Wahrheit ist es nichts anderes als unehrlich, wenn ich meine Wut, meine Trauer, meine Rachegelüste verneine. (Und unehrlich ist auch eine ‘negative’ Eigenschaft, will ich also auch nicht sein.) Auch wenn in der Yogaszene alles ‘immer schon gut ist’, alles nach Glück, Freude, Seligkeit, Einigkeit, Liebe und Vergebung strebt, als Yogini (und eigentlich einfach als Mensch) ist mein oberstes Ziel authentisch zu sein, ehrlich zu sein. Und dazu gehört auch, zu akzeptieren, dass ich jetzt in dem Moment wütend bin, traurig, aufgebracht und über alle Massen enttäuscht. Diese Gefühle sind nicht negativ, sie sind berechtigt. Sie tun gut. Zumindest, wenn man sie zulässt. Und das ist nicht so einfach, haben wir doch ein Leben lang gelernt, unsere Gefühle ‘in den Griff zu bekommen’, nicht zu laut, nicht aggressiv, nicht wütend zu sein, denn das ist nicht feminin, oder bei Männern nicht kompetent. Also unterdrücken wir diese Gefühle, schieben sie weg, verteufeln sie als ‘negativ’.

In einem Training mit Baron Baptiste habe ich auf eindrückliche Art und Weise gelernt, dass ich etwas erst gehen lassen kann, wenn ich es zuerst angenommen habe. So ist das auch mit den Gefühlen. Wenn ich jetzt nicht einfach erlich bin mit mir, und sage, oder mehr noch lebe, das sich wütend bin, traurig bin, dann fressen sich diese Gefühle in mich, meinen Körper, meine Seele. Sie machen mich bitter und unglücklich. Und wie der Neurowissenschaftler Dr. William H. Frey sagt, auch krank. Lasse ich hingegen meinen Ärger, meine Frustration, meine Wut zu, können sich der emotionale Stress lösen, ch wieder in Balance kommen und auch aktiv werden. Ich löse mich von der Opferrolle, von der ungerecht behandelten, armen Person, und werde zur starken Person, die weiss, dass sie Rechte hat und sich wehren kann. Ohne Wut, aber mit Bestimmtheit.

 

 

Aus der Asche blüht neues Leben auf – aus der Trauer wird Liebe geboren

Diese Erkenntnisse und Gedanken, dieses ganze emotional intensive Erlebnis teilte ich mit meiner Familie. Die Liebe und die Unterstützung rührten mich gleich wieder zu Tränen. Natürlich trug ich dieses ganze Gefühlsbündel inklusive meinen erkenntnisreichen Gedanken dazu in meine Yogaklassen. Die Nähe, die Anteilnahme, die Freundschaft – noch nie waren meine Klassen für mich so tief und nährend, so wunderschön. Höhen und Tiefen sind oft so nah zusammen. Und nur wer die Tiefen zulässt, kann auch die Höhen wirklich geniessen. So ist das Leben. So ist Yoga.

Und auch so ist das Leben. In dieser emotional intensiven Zeit bin ich einem Artikel begegnet über ‘The Yoga of the Darkness’, der genau um meine Gedanken kreist. Wunderbar. ‘A perfect match’ – diesmal wirklich!

Und übrigens: Das Studio ist im Fluss. Das kommt gut. Ganz ehrlich. Und sonst weiss ich ja jetzt, dass ich wütend und enttäuscht sein darf.

 

 

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Und hier noch Robert Betz zum Thema:

Ein Beitrag von:

Iris Stadelmann

Iris Stadelmann

Gründerin Yogart, Teacher, Bloggerin

Mein Weg zum Yoga hat schon in der Schulzeit begonnen. Doch bis ich regelmässig Yoga übte, dauerte es noch etwas. Via Asanas (körperlichen Übungen) fand ich dann mit der Zeit auch den Zugang zu den anderen Aspekten des Yogas, wie Atemtechniken, Meditation, Mantras. Vor ein paar Jahren habe ich dann meine erste Yogalehrerausbildung gemacht. Diese brachte einen regelrechten Stein ins Rollen.

Während mehreren Jahren habe ich verschiedenste Ausbildungen bei diversen internationalen Lehrern und Lehrerinnen absolviert, wie z.B. Baron Baptist (Power Vinyasa), Chris Chavez (Anusara), Julie Rose Smerdon (Anusara), John Oglivie (Purna Yoga & Yoga Therapeutics), Ana Davis (Pre- and Postnatal), Sean Corn (Vinyasa Flow), Maya Fiennes (Kundalini), Brie Mc Alpine (Kundalini), Duncan Peak (Power Vinyasa) und Susan Tomasko (Power Yoga). Zudem habe ich zahlreiche Workshops im In- und Ausland besucht, zum Beispiel bei Lucia Nirmala Schmidt (Faszien), Benita Wolfe Galvan (Anusara), Satyaa (Kundalini), Ross Rayburn (Anusara), Katchie Ananda (Anusara/Dharma), Richard Freeman (Ashtanga) oder Julie Martin (Vinyasa Flow). Ich bin auch Pilatesinstruktorin und Rücken- und Beckenbodentrainerin. Stetige Weiterbildung ist für mich essentiell.

Am Yoga fasziniert mich die Vielfältigkeit. Ich unterrichte ein Yoga, das auf die Körperausrichtung fokussiert, ohne dass es an Dynamik mangelt. Meine ruhige Art zu unterrichten steht dabei nicht im Wege, im Gegenteil.

Ich habe einen Master of Art in Kunstgeschichte und Anglistik sowie das höhere Lehramt für Mittelschulen abgeschlossen und bin Mutter von Joel und Maurice. Für einige Zeit habe ich in den USA und in Australien gewohnt.

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