Meine Weihnachtszeit – ich habe sie schon immer geliebt

Ich habe Weihnachten schon immer geliebt. Insbesondere die Tage danach. Ich liebte es, Geschenke zu basteln und Guetsli zu backen. Ich konnte nicht genug kriegen vom Duft des Tannenbaums, den Kerzen, dem gemeinsamen Singen und all den Ritualen, die diese Zeit so feierlich und andächtig machten. Und irgendwann begann ich auch, in den Tagen nach Weihnachten, meine Tagebücher durchzulesen und meine Wünsche fürs neue Jahr festzuhalten, oft zündete ich dabei Räucherstäbchen an und ab und an legte ich mir auch die Tarot-Karten. Ich mochte diese Zeit, in der ich mich einerseits sehr verbunden fühlte mit meiner Familie und mich andererseits auch so herrlich zurückziehen konnte und meine eigenen kleinen Rituale entwickeln und pflegen konnte. Ich war mir nicht bewusst, dass das, was ich instinktiv tat, wonach ich das Bedürfnis hatte einem uralten Brauchtum entsprach – den Ritualen und Gepflogenheiten rund um die Rauhnächte.

 

Die Rauhnächte und die Zeit

So wie wir Kinder die Tage bis zu Weihnachten mit einem Adventskalender zählten, so versuchten die Menschen schon seit jeher die Zeit zu erfassen, zu zählen, zu messen. Alle alten Kulturen beobachteten zu diesem Zweck den Himmel – die Sterne, den Mond und die Sonne. Auf Grund der Bewegungen von Mond und Sonne wurden dann Kalender erstellt. So entstanden viele verschiedene Zeitrechnungen. Leider stellte man bei allen früher oder später fest, dass sie nicht ganz präzise sind. So mussten sie abgeglichen werden. Auch unser heutiger gregorianischer Kalender, der sich nach dem Lauf der Sonne richtet muss mit den Schaltjahren eine gewisse Unpräzision ausgleichen.

Die Rauhnächte gehen auf die Zeit der Germanen zurück, die eine Zeitrechnung hatten, die sowohl den Mond- als auch auch den Sonnenzyklus berücksichtigte. Der Mond braucht 12 Mal 29,53, also 354 Tage, um die Erde zu umkreisen, während die Zeit von Wintersonnenwende zu Wintersonnenwende 365 Tage dauert. So ergab sich zwischen dem Mond- und dem Sonnenjahr eine Differenz von 11 Tagen und 12 Nächten. Diese 12 Nächte mussten irgendwie überbrückt werden, so dass die Zeitrechnung wieder aufging. Das führte dazu, dass die 12 Rauhnächte quasi  losgelöst wurden von der Zeit. Die Tage vom 25. Dezember bis zum 6. Januar wurden so zur Zeit ausserhalb der Zeit. Diese 11 Tage und 12 Nächte wurden zur Zeit, in der nicht die gleichen Regeln galten wie sonst. Sie galten deshalb als magisch, denn die Grenzen zwischen dem Dies- und dem Jenseits schienen feiner zu werden und man bekam deshalb mehr Einblicke und Erkenntnisse als sonst während dem Jahr. Da die Rauhnächte in die dunkelste und kälteste Zeit des Jahres fielen, sie den Übergang vom alten zum neuen Jahr darstellten und sie sozusagen ‘nicht zählten’, waren sie geradezu eine Einladung für Rituale, Bräuche und Orakel.

 

Wie aus der Rauhnacht die Weihnacht wurde

In den Rauhnächten, den kalten Tagen nach der Wintersonnenwende rückte man gerne zusammen und betete die Götter an, dass man die bitterkalten Winter gut überstehen möge. Natürlich fragte man sich auch, was wohl das neue Jahr so bringen werde und so waren Magie und Orakel beliebt in dieser Zeit. Es war während den Rauhnächten verboten, schwere Arbeiten zu verrichten, denn diese Tage sollten eine Zeit der Ruhe und Besinnung sein. Eine Zeit, in der man alle Schulden beglich, Versprechen einlösen sollte und allgemein dafür sorgen sollte, dass man keine unerledigten Angelegenheiten mit ins neue Jahr nimmt.

Nicht nur bei den Germanen wurden diese magische Zeit des Übergangs gefeiert. In vorchristlicher Zeit feierte man in vielen Kulturen nach der Wintersonnenwende, dass der kürzeste Tag und die längste Nacht vorbei waren und freute sich über die Rückkehr des Lichtes auf die Erde, so entstanden Sonnenkulte. Im alten Rom beispielsweise feierte man ab dem 25 Dezember zwölf Tage lang ‘Natalis Solis Invict’, die Wiedergeburt der unbesiegbaren Sonne. Unter anderem wurden bei diesen Feierlichkeiten zum Beispiel als Opfergabe an die Sonne Wachskerzen angezündet.

Während der Christianisierung gab sich die Kirche grosse Mühe alle heidnischen Bräuche zu verbannen und den Leuten auszutreiben. Aber sie waren schon so alt und entsprachen offensichtlich einem Bedürfnis der Leute. Also verschob man den Geburtstag von Jesus kurzerhand auf den 25. Dezember. So konnten die Wachskerzen zu ehren von Jesus Christus entzündet werden anstatt zu Ehren des Sonnengottes. Es war eine kluge und wirksame Art und Weise, den alten Glauben zu besiegen und verdrängen.

 

Rückkehr zur Mystik

Die Weihnachtsfeier im Christentum ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten  – analog zu unserem Leben insgesamt – leider immer kommerzieller und Sinn-leerer geworden. Die Zeit der Besinnlichkeit ist zu einer Zeit des Konsumrausches und des Rumhetzens geworden. Kein Wunder also, dass gerade auch in dieser Zeit die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen bei immer mehr Menschen erwacht. Deshalb werden die alten Bräuche rund um die Rauhnächte immer populärer und mehr und mehr Artikel und Bücher darüber werden geschrieben. So stolperte auch ich vor einiger Zeit über Elfie Courtenays wunderbares Buch ‘Rauhnächte’ und stellte fest, dass diese Rituale, die ich als Jugendliche intuitiv für mich entdeckt hatte, zum grossen Teil den alten Bräuchen entsprachen: Rückschau halten, Reinigen und Räuchern (zum Beispiel mit Tannenharz), Meditation, in die Zukunft schauen, Kräfte sammeln, Kreativ werden und Gutes verschenken. Mit diesem neuen Wissen und Bewusstsein finde ich es umso spannender Weihnachten, Silvester und Drei-Königstag zu feiern. Für mich ist das eine Bestätigung dafür, dass es in der menschlichen Natur liegt, genau zu dieser Zeit kontemplativer zu sein und die Verbindung zu einer universellen Kraft aufzunehmen – wie auch immer man das tut, was auch immer diese Kraft sein mag.

In diesem Sinne: besinnliche Feiertage!

 

Wenn Du Lust hast, mehr über die Rauhnächte zu erfahren und Ideen für Rituale rund um diese Zeit möchtest kann ich Dir folgendes empfehlen:

Elfie Courtenay, ‘Rauhnächte – Die geheimnisvolle Zeit zwischen den Jahren’, Heyne Verlag 2013:  www.courtenay.de/neuerscheinungen.html

Alexander Wagandt über das Räuchern: Youtube

Rauhnachtskalender, Ideen, wie Du diese Zeit nutzen kannst: http://devis-ashram.de/2014/12/22/dein-rauhnachtskalender/

 

 

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