Alles hat sein Gutes. Fast ein Jahrzehnt habe ich an diesem einen Satz herumstudiert. Immer wieder. Und wieder. Vor fast zehn Jahren nämlich erzählte ich einem engen Freund – nennen wir ihn hier einmal Nathan – ein bisschen über mein Leben. Von meinen Höhen, aber auch von meinen Tiefen. Vor allem von meinen Tiefen. Ich sippte an meinem Weinglas und philosophierte weltgewandt. Ich fühlte mich grausam klug und war stolz auf meine weise Erkenntnis, die mich scheinbar zu einem besseren Menschen machte. ‘Weisst Du, ich habe gelernt im Leben, dass alles einen Grund hat. Alles hat schlussendlich sein Gutes.’ – ‘Bullshit’, sagte er, ‘ich habe meinen Bruder in einem Unfall verloren. Was soll daran gut sein?’ Mir blieb der Wein im Hals stecken. Darauf hatte ich keine Antwort. Und ich versuchte lange Zeit, eine zu finden.

Ja, was soll an dem Unfall gut sein? Irgendetwas Positives, muss doch daraus resultiert haben. Die Familie hat einen besseren Zusammenhalt gekriegt? Nun ja, sie standen sich schon vor dem Unfall sehr nahe. So gesehen kann man wohl nicht behaupten, ohne diesen Vorfall wären sie nicht so eng miteinander verbunden. Im Gegenteil, der Verlust eines Kindes ist sogar häufig Ursache für Trennungen, oder zumindest Probleme in der Beziehung oder in der Familie. Denn jeder erlebt den Verlust anders. Das macht es schwierig, darüber zu reden. Manchmal ist es auch schwierig zu akzeptieren, dass es für andere Familienangehörige scheinbar einfacher ist.

Ist Nathan an diesem Verlust gewachsen? Aber wieso sollte dieser Prozess der Persönlichkeitsbildung auf Kosten des Bruders stattfinden? Wäre er ohne den Tod seines Bruders keine starke Persönlichkeit geworden? Eine solche Aussage ist im Endeffekt einfach nur respektlos – und zwar sowohl dem gegenüber, der viel zu früh gehen musste als auch dem gegenüber, der mit dem Verlust umgehen muss(te). Und wäre er gewachsen, wenn er nicht sowieso eine starke Persönlichkeit wäre? Er hätte auch genauso gut daran zu Grunde gehen können.. Auch das ein Szenario, das man leider oft genug beobachtet.

Irgendwie kam ich nicht weiter bei der Suche nach dem Guten. Im Gegenteil. Ich begann mein Alles-ist-schlussendlich-gut-für-irgendetwas-Mantra immer mehr in Frage zu stellen. Aber wie das so ist, mit solchen Glaubenssätzen, man wirfst sie nicht so einfach mir nichts, Dir nichts über Bord. Mein Mantra war mir über Jahre eine Stütze beim Ertragen von schmerzhaften Erfahrungen und Erlebnissen. Und die Vorstellung ohne diese Stütze weiterzugehen war beängstigend. Dennoch tauchte ab und an die Frage auf, ob ich wohl auch ohne Schicksalsschläge zu einer liebenswerten Persönlichkeit herangereift wäre? Warum finde ich Trost in dem Gedanken, das ich sonst eine langweilige oder zickige oder einfach unmögliche Person geworden wäre? Aber eigentlich wollte ich mir  diese Fragen nicht stellen, wollte ich die Märchenversion meines Cinderella-Daseins nicht zerstören.

Per Zufall stolperte ich dann  über die Schriften des evangelischen Theologen Karl Barth, der in seiner kirchlichen Dogmatik schrieb: ‘Gottes Wille kennt kein Warum’. Es war dieser Satz, der mein jahrelanges, latentes Suhen nach dem Sinn von Nathans Bruders Tod zu einem Abschluss brachte. Es war dieser Satz, der auch meinen Aschenputtel-Mythos über den Haufen warf. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen und ich verstand, was Nathan schon lange verstand: Wir müssen nicht auf biegen und brechen allem, was uns zustösst etwas Gutes abringen. Manche Dinge sind einfach hart. Manche Dinge tun weh. Punkt. Und wir müssen damit klar kommen. Ja, Trauer ist anstrengend. Egal, ob es um einen Todesfall geht, oder eine Beziehung, die in die Brüche ging oder ein anderes Ereignis, das unsere Welt von heute auf morgen komplett auf den Kopf stellt und nichts mehr so sein lässt, wie es war. Trauer ist hart. Trauer wird aber noch härter, wenn wir sie nicht zulassen, wenn wir unsere Gefühle zensurieren und ‘stark’ sein wollen, wenn wir unsere Energie darauf verschwenden, den Schicksalsschlägen etwas Gutes abzuringen. So verschwenden wir nur Energie, die wir brauchen, um klar zu kommen mit dem Geschehenen, um den Verlust hinzunehmen, ihn zu akzeptieren.

Das soll keine Einladung sein, den Kopf in den Sand zu stecken und auch keine Aufforderung zum Pessimismus. Im Gegenteil. Klar ist es gut möglich, dass wir nach einer Trennung, eine neue, vielleicht sogar bessere Beziehung eingehen können, dass wir nach einer Kündigung einen noch erfüllenderen Job finden. Aber  im Normalfall passiert das erst, wenn wir den Verlust erst einmal verarbeitet haben. Und manchmal passiert es auch nicht. Manchmal passieren Dinge, die einfach nur Wunden hinterlassen, die wehtun. Manchmal wird uns das Herz aufgerissen. Und das kann nicht wieder ‘gut gemacht’ werden. Manchmal wendet sich das Blatt nicht einfach zum Guten. Manchmal kann etwas nicht repariert werden, nur ertragen, und irgendwann getragen. Oder wie Megan Devine gesagt hat: ‘Some things in life cannot be fixed. They can only be carried.’

Und wenn diese Dinge passieren, die nicht repariert werden können, die nicht gut gemacht werden können, dann ist es gut sich bewusst zu sein, dass wir nicht nur die Gefühls-Palette  ‘glücklich, tapfer und optimistisch’ mit auf den Weg bekommen haben. Nicht umsonst wurden wir gesegnet mit Gefühlen wie Wut, Trauer, Angst, Schmerz, Zerrissenheit, Verzweiflung, Einsamkeit, Aggression. Wir haben gelernt, diese Gefühle als ‘negativ’ zu sehen, Gefühle, die wir nicht haben wollen, für die wir uns sogar schämen. Aber diese Gefühle existieren, und wenn wir sie zulassen, können wir besser mit ihnen umgehen, können wir unsere Last besser ertragen, später dann tragen. Und irgendwann auch einmal  loslassen.  Es bleiben Narben zurück, aber wir sind frei.

Nur gelebte und akzeptierte Gefühle kann man gehen lassen. Unterdrücken wir aber die Gefühle, überpinseln wir unsere Wunden mit alles-ist-gut-Make-Up, verheilen unsere Wunden nur sehr schwer – wenn überhaupt. Denn mit der Unterdrückung von Gefühlen – auch negativen  – blockieren wir den Fluss der Lebensenergie und das geht auf Kosten unserer gesamten Gefühlswelt, unserer mentalen – und oft auch physischen – Gesundheit und Stabilität. Trauern, ohne tapfer zu sein, ohne schönzureden macht uns im Gegenzug  ausgeglichener, stärker, freier. Wie Nathan – und endlich auch mich.

 

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